Schizophrenie: Stimmen, Halluzinationen und das Gefühl, gelenkt zu sein

Gut einen Monat ist es her, dass ein Fotograf in einer alten Papierfabrik in Düsseldorf die Leiche eines 15-jährigen Mädchens gefunden hat. Kurz darauf gab die Polizei bekannt: der 16-jährige mutmaßliche Täter ist schizophren. Fälle wie diesen gibt es immer wieder, bestätigt Prof. Dr. Cornelius Wurthmann, Leitender Arzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin am Katholischen Klinikum Essen.

Bild: Prof. Dr. Cornelius Wurthmann ist Leitender Arzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin am Katholischen Klinikum Essen. © Katholisches Klinikum Essen

Prof. Dr. Cornelius Wurthmann, Leitender Arzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin am Katholischen Klinikum Essen, spricht über Schizophrenie. © Katholisches Klinikum Essen

Prof. Wurthmann selbst erinnert sich an einen Patienten, der seine Frau getötet hat. Der Mann habe Stimmen gehört, die ihm den Mord befahlen, sagt der Professor. „Als der Patient später erkannte, was er getan hatte, versuchte er sich zu töten.“ „Es gibt solche Fälle, aber insgesamt geht von Schizophrenen kein höheres Risiko aus als von anderen Menschen“, räumt der Leitende Arzt mit einem gängigen Vorurteil auf.

Ein Prozent der Bevölkerung erkrankt an einer Schizophrenie

An Schizophrenie erkrankte Frauen und Männer hören Stimmen, die das Handeln der Patienten kommentieren, sich miteinander unterhalten oder den Patienten Befehle geben. Manche Patienten klagen über das Gefühl, beeinflusst zu werden. Sie berichten, ihre Gedanken, Gefühle und Tätigkeiten würden von außen gelenkt. Die Patienten sind zum Beispiel der Auffassung, andere könnten ihre Gedanken hören oder lesen. Der Verlauf von Schizophrenien ist unterschiedlich. „22 Prozent der Betroffenen erleiden einmal im Leben eine schizophrene Episode, die sich danach vollständig wieder zurückbildet und nicht wieder auftritt.“ Jeder dritte Patient habe immer wieder Schübe, die sich vollständig zurückbilden. Bei einem weiteren Drittel verschlechtere sich die Krankheit zunehmend oder es komme auf dem Boden eines gleichbleibenden Defizites wiederholt zu psychotischen Episoden. Insgesamt erkrankt ein Prozent der Bevölkerung irgendwann einmal an einer Schizophrenie.

Ursachen der Schizophrenie

Die Ursachen von Schizophrenien sind vielfältig. Zu erwähnen sind zum Beispiel genetische Faktoren, im Mutterleib entstandene Hirnentwicklungsstörungen und Störungen des Hirnstoffwechsels. Auslöser können psychosoziale Probleme und Konflikte sein. Überbesorgtheit oder Bevormundung durch Angehörige oder Partner können den Verlauf ungünstig beeinflussen. Drogenkonsum ist ebenfalls problematisch. „Wer Cannabis konsumiert, hat im Vergleich zu Nichtkonsumenten ein dreimal so hohes Risiko, an Schizophrenie zu erkranken“, sagt Prof. Wurthmann und ergänzt: „Auch durch LSD oder andere Drogen können schizophrene Psychosen ausgelöst werden.“

Therapiert werden Schizophrenien zunächst mit Medikamenten. Weltweite Studien belegten die hohe Wirksamkeit der begleitenden Psychopharmatherapie bei Schizophrenien, berichtet der Leitende Arzt. Die Schizophrenie, so Prof. Wurthmann, gehöre zu den wenigen psychischen Krankheiten, bei denen eine medikamentöse Behandlung im Vordergrund der Therapie stehe. Je nachdem, ob es bereits frühere Phasen gegeben hat, würden die Mittel über mehrere Jahre oder – wenn auch seltener – lebenslang verabreicht. „Viele Rückfälle entstehen dadurch, dass Medikamente nicht mehr regelmäßig eingenommen werden“, bedauert Prof. Wurthmann.

Wahnsymptome im frühen Stadium erkennen

Im weiteren Verlauf der Behandlung kommen Einzelgespräche, Angehörigen-Gespräche, Informationsvermittlung, sozialpsychiatrische Maßnahmen, Verhaltenstherapie im Sinne des Trainings sozialer Kompetenz und ein Behandlungsprogramm zur Minderung von Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen zur Anwendung. Bei einem Teil der Patienten wird zusätzlich ein sogenanntes meta-kognitives Training durchgeführt. Dabei lernen Patienten, Wahnsymptome bereits in einem frühen Stadium zu erkennen, zu hinterfragen und selbst zu korrigieren. Auch wenn manche Patienten mit Schizophrenien immer wieder Symptome haben, so gelten doch etwa 60 Prozent nach mehrjährigem Verlauf als sozial geheilt. Gemeint ist damit, dass sie auf ihrem früheren Niveau oder unterhalb des früheren Niveaus voll erwerbsfähig sind. „Das ist eine gute Nachricht“, macht Prof. Wurthmann Mut.

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Frauke Sievers
Chefredakteurin
Jahrgang 1983, geboren in Lehrte. Studium der Politikwissenschaften und der Germanistischen Sprachwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Freie Journalistin u. a. für die Leipziger Volkszeitung und die Deutsche Presseagentur. Redakteurin bei der Leipziger Volkszeitung