Pflegeschüler proben im Skillslab den Ernstfall

Üben an „Puppen“ statt am Patienten: Krankenpflegeschüler an den Kliniken des Landkreises Neustadt a. d. Aisch – Bad Windsheim werden erst auf Patienten losgelassen, wenn sie ausreichend trainiert haben. Die Krankenpflegeschule in Bad Windsheim ist bundesweit eine der ersten, die das sogenannte Skillslab  in die Ausbildung integriert hat.

Pflegeschüler üben an einer menschgroßen Puppe. Foto: Visioness

Pflegeschüler üben an einer menschgroßen Puppe. Foto: Visioness

Frau Eiskalt liegt regungslos in ihrem Krankenbett. Der Mund steht weit offen, die blauen Augen sind aufgerissen. Der Anblick jagte so manch einem einen Schrecken ein. Die Pflegeschüler sind ihn gewohnt. Zwischen Theorie und Praxis finden pro Lehrjahr zwei Einheiten am Modell statt. “Die Schüler sollen hier ihre Skills, also Kompetenzen trainieren”, erklärt Praxislehrkraft Diana Schlosser – und das, bevor ihnen aus Unerfahrenheit grobe Fehler am Patienten unterlaufen. Verrennen sich die Schüler, können Lehrer mit den Worten “Stopp! Von vorn!” die Reißleine ziehen. “Das könnten wir bei Patienten nicht”, stellt Schlosser fest.

Ursprung in Norwegen

Seinen Ursprung hat das Modell in Skandinavien. Eine norwegische Firma brachte die sprechenden, manngroßen Puppen auf den Markt und verkauft sie inzwischen weltweit. Angefangen haben die Niederländer, Engländer und Schweizer. In Deutschland arbeiten noch verhältnismäßig wenige Krankenhäuser mit Skillslab. Die von den Kliniken des Landkreises Neustadt a. d. Aisch – Bad Windsheim getragene Krankenpflegeschule Scheinfeld war 2011 eine der ersten. „In Mittelfranken sind wir absoluter Vorreiter“, sagt Schulleiterin Elisabeth Derrer, die das Modell initiiert und auf einer Schulleitertagung auch Kollegen vorgestellt hat – mit Erfolg: Inzwischen gibt es in der Region einige Nachahmer.

In Bad Windsheim sind die zwei Simulatoren in einem kleinen Gebäude direkt neben dem Hubschrauberlandeplatz untergebracht. Pflegelehrerin Diana Schlosser erweckt  Frau Eiskalt per Knopfdruck zum Leben. Der Gesichtsausdruck bleibt zwar statisch, durch integrierte Lautsprecher ist aber regelmäßiges Atmen zu hören. Mit Headset und Fernbedienung lässt die Praxislehrkraft die Puppe sprechen, husten, sogar würgen.

Die Lehrer haben verschiedene Krankengeschichten für die Pseudo-Patienten parat. Anna Eiskalt beispielsweise leidet an einer Lungenentzündung. Sie bekommt Antibiotika, muss immer wieder husten und erhält Unterstützung bei der Körperpflege. Schüler legen im Übungsraum Katheter, überprüfen Infusionen oder werden auf Notfälle vorbereitet: “Verbände wechseln, Magensonde legen, Schleim und Auswurf aus der Lunge absaugen – mit den Modellen ist vieles möglich”, umreißt Schlosser das Spektrum. Geschult würden soziale Kompetenz, Fachkompetenz, Methodenkompetenz und personelle Kompetenzen, zum Beispiel wie rückenschonend die Arbeitsweise ist und wie sicher das eigene Auftreten wirkt.

Mehr Selbstvertrauen

Die Krankenpflegeschülerinnen Kathrin Jeszke und Ann-Kathrin Glösinger (beide 3. Lehrjahr) sind begeistert von der Skillslab-Methode. “Mir hat es sehr geholfen”, sagt die 20-jährige Glösinger. “Man kann nichts kaputt machen und kommt dann erst – mit mehr Selbstvertrauen – zum Patienten.” Auch ihre ein Jahr jüngere Kollegin fand das Proben des Ernstfalls im Skillslab “sehr hilfreich. Wir konnten alles üben, wurden per Kamera aufgenommen und haben das Video hinterher mit den Lehrern ausgewertet.”

Bevor sie sich um den Patienten kümmern dürfen, findet – wie auf echten Stationen auch – eine Übergabe statt. So erfahren die Schüler/innen zum Beispiel, dass ein Patient nach der OP noch kein Wasser gelassen hat und dass ein Dauerkatheter gelegt werden muss. “Danach erstellen die Schüler ihren eigenen Ablaufplan und führen die Pflege durch“, sagt Diana Schlosser. Sie und ihre Kolleginnen geben unterdessen mit dem Headset Tipps. “So können wir die Patientin zum Beispiel fragen lassen: ‘Wie heißen Sie denn eigentlich?’, wenn jemand vergisst, sich vorzustellen”. Die Praxislehrkraft findet das “softer”, als Schüler im oder nach einem Patientengespräch zu rügen.

Kathrin Jezke und Ann-Kathrin Glösinger sind inzwischen ganz in ihrem Element. “Ich messe jetzt ihren Blutdruck”, informiert Kathrin Jezke die vor ihr liegende Puppe. “120:80 – das ist in Ordnung.” “Da bin ich aber froh”, krächzt es durch die Lautsprecher. Ein lautes Husten ist zu hören und Ann-Kathrin Glösinger greift routiniert zu einer Schale, die sie der betagten Dame unter den Mund hält. “Danke”, sagt sie und bittet: “Ich habe so einen Durst.” Ein Hinweis für die Schülerinnen, bloß nicht die Tabletten zu vergessen. Die beiden verstehen den Wink mit dem Zaunpfahl, bringen die Patientin zu zweit in sitzende Position und halten ihr vorsichtig einen Becher Wasser an den Mund.

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Frauke Sievers
Chefredakteurin
Jahrgang 1983, geboren in Lehrte. Studium der Politikwissenschaften und der Germanistischen Sprachwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Freie Journalistin u. a. für die Leipziger Volkszeitung und die Deutsche Presseagentur. Redakteurin bei der Leipziger Volkszeitung