“Manchmal vergesse ich, dass ich koche”

Die Uhr in den Kühlschrank gelegt, das Portemonnaie in den Mülleimer geworfen oder im schlimmsten Fall die Herdplatte angelassen: Die Erkenntnis, dement zu sein, wirft Patienten und Angehörige schlagartig aus der Bahn. Die Krankheit trifft aber nicht nur alte Menschen. Yasemin Aicher berichtet von Vergesslichkeit und dem unangenehmen Gefühl, damit allein zu sein.

Demenz mit 45 Jahren: Yasemin Aicher mit ihrem Mann Frank. Foto: privat

Demenz mit 45 Jahren: Yasemin Aicher mit ihrem Mann Frank. © privat

“Mein Kurzzeitgedächtnis war gestört”, sagt die 51-Jährige. Sie habe mit ihrem Mann einen Film gesehen und nicht bemerkt, dass sie ihn vor zwei Wochen schon mal angeschaut hatten. Nach MRT- und Pep-Untersuchungen bestätigten Ärzte vor sechs Jahren ihren traurigen Verdacht: Frontotemporale Demenz mit 45 Jahren.

Obwohl die Zahl der Demenzkranken stetig steigt, ist sie bei jungen Menschen äußerst selten. Das Bundesfamilienministerium ging 2013 von etwa 1,4 Millionen Patienten mit Demenz aus und rechnet mit 300.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Betroffen sind aber überwiegend Männer und Frauen im Rentenalter. Bei jüngeren Patienten im Alter von 45 bis 65 Jahren erhält laut Deutscher Alzheimer Gesellschaft jeder 1000. die Diagnose, in Deutschland sind das aktuell zwischen 20.000 und 24.000 Männer und Frauen.

Zweithäufigste Form: vaskuläre Demenz

„Die zweithäufigste Form der Demenz ist neben Alzheimer die vaskuläre Demenz“, sagt Privatdozent Dr. Horst Gerhard, leitender Arzt der Klinik für Neurologie und klinische Neurophysiologie am Katholischen Klinikum Essen. Sie tritt in Folge einer mangelnden Durchblutung im Gehirn auf und beeinträchtigt das Gedächtnis, das Denk- und Sprachvermögen, die Urteilskraft sowie die Konzentrations- und Lernfähigkeit. „Heilbar ist sie nicht, ihr Fortschreiten lässt sich aber durch gezielte medikamentöse Behandlung und rehabilitative Maßnahmen verzögern“, so Dr. Gerhard.

Selbsthilfegruppen und Kurse für Angehörige

Mit Sprachtherapie, Ergotherapie, Physiotherapie und Neuropsychologie werden in der Neurologischen Klinik erhaltene kognitive Funktionen gestärkt und verbessert. Das Katholische Klinikum Essen bietet darüber hinaus Selbsthilfegruppen für Menschen mit Demenz an sowie Kurse für pflegende Angehörige. Besonders letztere sind für Yasemin Aicher interessant. Sie ist seit Jahren auf der Suche nach Gleichgesinnten, hat eigens dafür die Gruppe „Demenz in jungen Jahren“ auf dem Internetportal Facebook gegründet – bisher mit geringer Resonanz.

Die Frau mittleren Alters stockt beim Reden, hat Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden und klagt über Orientierungsprobleme. „Wenn ich allein unterwegs bin, weiß ich manchmal nicht mehr, wo ich bin. Dann bekomme ich Panik“, schildert sie. Auch der Alltag gehe nicht mehr so leicht von der Hand wie früher. „Manchmal vergesse ich beim Kochen, dass ich koche.“ Einziger fester Anker ist ihr Mann. Der Frührentner unterstützt sie im Alltag, unternimmt Reisen und Ausflüge mit ihr und holt sie ab, sollte sie sich doch mal allein mit der Bahn verirrt haben.

Yasemin Aicher ist ihm dankbar, wünscht sich darüber hinaus aber einen Gesprächspartner, der ihre Ängste und Sorgen teilt – und Ärzte, die bei regelmäßigen Untersuchungen nicht nur vorgeschriebene Tests durchführen, sondern auch ihren Mann anhören, der sie schließlich jeden Tag sehe und ihren Zustand am besten einschätzen könne.

„Es gibt viele Kliniken, die sich auf die Behandlung von Demenzerkrankten spezialisiert haben“, sagt Dr. Horst Gerhard. „Was aber den persönlichen Umgang mit Demenzpatienten und die Einbeziehung ihrer Angehörigen betrifft, sind wir ganz weit vorn“, betont er. Dabei zeigt der Arzt viel Geduld: „Aktuell behandeln wir einen 52-jährigen Patienten, bei dem noch nicht klar ist, was hinter seinen Gedächtnislücken steckt. Dafür muss man sich Zeit lassen. So etwas kann man oft nicht mit einer Untersuchung klären.“

Vielleicht werden Yasemin Aicher am Katholischen Klinikum Essen zumindest ein paar ihrer Wünsche erfüllt. Dank der interdisziplinären Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Fachkliniken des Verbunds, dem Einsatz modernster diagnostischer und therapeutischer Methoden und der stetigen Forschung und Entwicklung konnten bereits zahlreiche Patienten erfolgreich behandelt werden – nicht zuletzt auch mithilfe weitreichender Kooperationen und hochentwickelter, außerstationärer Einrichtungen.

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Frauke Sievers
Chefredakteurin
Jahrgang 1983, geboren in Lehrte. Studium der Politikwissenschaften und der Germanistischen Sprachwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Freie Journalistin u. a. für die Leipziger Volkszeitung und die Deutsche Presseagentur. Redakteurin bei der Leipziger Volkszeitung