Behandlungsfehler: TK zählt ein Viertel mehr Verdachtsfälle

Die Techniker Krankenkasse (TK) hat im vergangenen Jahr 4400 Verdachtsfälle auf Behandlungsfehler bei ihren Versicherten verzeichnet. Das sei ein Anstieg um ein Viertel im Vergleich zum Vorjahr, teilte die Techniker mit. Hintergrund sei, dass die TK im vergangenen Jahr ihre Versicherten besonders intensiv über die Gefahr von Behandlungsfehlern und die Hilfsangebote für Betroffene informiert habe. “Die Versicherten greifen dadurch vermehrt zum Telefonhörer und melden uns solche Verdachtsfälle”, so der TK-Medizinrechtsexperte Christian Soltau. “Wir gehen fest davon aus, dass sich die Versorgung in den Krankenhäusern und Arztpraxen nicht in diesem Ausmaß verschlechtert hat.”

Die häufigsten Behandlungsfehler liegen im chirurgischen Bereich © Visioness

Die häufigsten Behandlungsfehler liegen im chirurgischen Bereich © Visioness

Besonders viele Verdachtsfälle verzeichnet die Krankenkasse im chirurgischen Bereich. Hier wurden der Krankenkasse 1372 Fälle gemeldet. Auf Platz zwei landeten die Zahnmediziner mit 606 Verdachtsfällen, gefolgt von Allgemeinmedizinern (382) und Orthopäden (378). Im vergangenen Jahr hat die TK 14 Millionen Euro von Ärzten und Kliniken für die Folgekosten von Fehlbehandlungen zurückgefordert.

Behandlungsfehler oft unklar

Nicht jeder Verdachtsfall bestätige sich auch im Verlauf einer Überprüfung, so Soltau. “Häufig können die Versicherten schwer erkennen, ob ein Krankheitsverlauf schicksalhaft ist oder ob die Ärzte und Pflegekräfte einen Fehler gemacht haben.” Gleichzeitig gehe er davon aus, dass hinter den gemeldeten Fällen auch noch eine Dunkelziffer liegt, sagte Soltau. “Viele wissen beispielsweise nicht, an wen sie sich wenden können. Patienten, die Behandlungsfehler bei sich vermuten, sollten zunächst den Arzt direkt darauf ansprechen. “Betroffene sollten systematisch vorgehen und umgehend ein Gedächtnisprotokoll des Behandlungsablaufs und der involvierten Ärzte und Pfleger erstellen”, so der Medizinrechtsexperte. “Die Erfolgschancen sind umso besser, je genauer ich die Krankheitsgeschichte dokumentiert habe. Denn: Der Versicherte muss in erster Linie beweisen, dass Ärzte oder Pfleger bei ihm schuldhaft gegen die anerkannten Regeln von Wissenschaft und ärztlicher Praxis verstoßen haben.”

Klage bei Behandlungsfehlern

Beschreitet die TK den Klageweg, übernimmt sie für den Versicherten die Vorreiterrolle im gerichtlichen Verfahren. “Der Versicherte kann den Ausgang des Prozesses abwarten und dadurch einschätzen, ob eine eigene Klage Aussicht auf Erfolg hat”, so der TK-Experte Soltau. Im vergangenen Jahr hat die TK in 1492 Fällen Gutachtenaufträge erstellt. 61 Fälle wurden vor Gericht verhandelt. Dabei wünscht sich Soltau mehr Unterstützung von Politik und Justiz. “Leider dauern diese Verfahren viel zu lang. Nicht selten vergehen fünf bis zehn Jahre, bis das Urteil feststeht”, erklärt Soltau. In einigen Fällen könnten die Betroffenen nicht mehr arbeiten, seien in ihrer finanziellen Existenz bedroht und müssten dennoch jahrelang um einen Schadensersatz bangen. Soltau: “Die Politik muss dringend mehr Spezialkammern für arzthaftungsrechtliche Fragen an den Landgerichten schaffen. Die Materie ist so komplex, dass Generalisten sich nur schwer einarbeiten können.” Gleichzeitig müsse der Gesetzgeber verhindern, dass Haftpflichtversicherungen weiterhin auf Zeit spielen und die betroffenen Patienten teilweise aus reiner Finanznot zu falschen Kompromissen zwingen.

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Felix Gimm
Volontär
Jahrgang 1988, geboren in Eberbach. Studium der Politikwissenschaft an den Universitäten Jena, Thessaloniki (GR) und Marburg.