Patienten stärker in den Infektionsschutz in Kliniken einbinden

Zwei Drittel aller Patienten in deutschen Krankenhäusern haben einer aktuellen Umfrage zufolge Angst vor einer Infektion mit Krankenhauskeimen. Diese Angst ist durchaus berechtigt: Eine europaweite Studie hat ergeben, dass mehr als 2,5 Millionen Infektionen erst in einer Klinik entstanden sind. Schuld daran ist aber nicht immer die mangelnde Einhaltung der Hygienevorschriften des Pflegepersonals – auch Patienten und deren Angehörigen tragen zum Übertragungsrisiko bei. Sie sollen deshalb stärker in den Infektionsschutz in Kliniken eingebunden werden.

Infektionsschutz: Händedesinfektion beste Vorbeugungsmaßnahme

Patienten und deren Angehörige sollen stärker in den Infektionsschutz in Kliniken eingebunden werden. ©fotolia – Gerhard Seybert

Patienten stärker beim Infektionsschutz einbinden

„Beim Thema Hygiene müssen Patienten darauf vertrauen, dass das in der Klinik arbeitende Personal den notwendigen Infektionsschutz auch konsequent umsetzt“, sagt Prof. Dr. Axel Kramer, Direktor des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin an der Universitätsmedizin Greifswald. Kramer, der zu den bekanntesten Klinikhygienikern Deutschlands zählt, nimmt gleichzeitig den Patienten und dessen Angehörige in die Verantwortung: „Selbst wenn der Infektionsschutz in einer Klinik perfekt geregelt ist, bleiben immer noch die Übertragungsrisiken, die durch den Patienten selbst entstehen. Patienten und deren Angehörige sollten deshalb viel stärker darüber aufgeklärt werden, welche Möglichkeiten es für sie gibt, den Infektionsschutz im Krankenhaus zu verbessern.“

Fördern und fordern

Ein Projekt an der Universitätsmedizin Greifswald (UMG) untersucht, wie Patienten stärker in den Infektionsschutz in Kliniken eingebunden werden können. Das vom Bundespatientenbeauftragten Karl-Josef Laumann geförderte Projekt trägt den Titel „Aktivierung der Patienten für eine hygienebewusste Partizipation an der Infektionsprävention (AHOI)“. Es bedeutet nichts anderes, als dass der Patient ermutigt werden soll, beim Infektionsschutz aktiv mitzuwirken. Bereits im Jahr 2010 wurde in der Klinik und Poliklinik an der UMG damit begonnen, Patienten in den Infektionsschutz einzubeziehen; zunächst als Vielzahl von Eigeninitiativen, später dann gebündelt im AHOI-Projekt als Maßnahmenpaket. So erhält der Erkrankte bereits bei der Aufnahme in die Klinik einen Flyer mit zahlreichen Hinweisen und bekommt zusätzlich weitere Kurzinformationen zu speziellen Präventionsmöglichkeiten – etwa zur richtigen Händedesinfektion oder zu wichtigen persönlichen Verhaltensänderungen. Zu den Verhaltensänderungen zählen Tipps wie kein Ausduschen offener Wunden mit Leitungswasser ohne Steril-Filter, nicht eigenständig den Wundverband lockern oder den Urinbeutel unter Blasenniveau halten.

Die Händedesinfektion bietet ein enormes Präventionspotential. Aufgrund dessen wurden die von der WHO empfohlenen „Fünf Momente“ für die Mitarbeiter auf den Patienten angepasst. Auch diese sollen nun beim Betreten und Verlassen des Patientenzimmers, vor der Einnahme von Mahlzeiten, nach Nutzung des WC sowie vor und nach einem Kontakt mit eigenen Wunden, Schleimhäuten oder medizinischem Gerät gezielt die Hände desinfizieren. An zentralen Punkten im Krankenhaus – etwa im Foyer oder am Zugang zu Risikostationen – gibt es automatische Spender zur Händedesinfektion. Plakate unter dem Motto „Keine Chance den Krankenhausinfektionen“ weisen gezielt auf die Spender hin. Auch in jeder Sanitärzelle und jedem WC stellt ein Poster das hygienisch richtige Verhalten dar.

Positives Fazit

Seit gut vier Jahren erhält jeder Patient der Uniklinik Greifswald bei Aufnahme eine Checkliste mit 14 Ankreuzmöglichkeiten – mit dieser werden Risikofaktoren für multiresistente Erreger abgefragt. Bei Verdacht oder entsprechender Risikokonstellation wird sofort ein Screening veranlasst. Der Patient sowie seine Besucher bekommen ein Merkblatt zum hygienischen Verhalten in der Klinik sowie nach der Entlassung. Die freiwillige anonymisierte Einbeziehung des Patienten beim Infektionsschutz wirkt sich auch positiv auf die Mitwirkung des Behandlungsteams aus; allein dadurch wurde ein Anstieg des Händedesinfektionsmittelverbrauchs um bis zu 40 Prozent erreicht.

Das vorläufige Fazit: Patienten nehmen ihre neue und aktive Rolle beim Infektionsschutz im Krankenhaus an. Da auch die Mitarbeiter diese mittragen und fördern, sollten Patienten und Angehörige zukünftig viel stärker in die Infektionsprävention einbezogen werden. Ein Modell, das auch in anderen Kliniken und Krankenhäusern Schule machen sollte.

„Die Studie ist in meinen Augen die beste, die ich zu diesem Thema gesehen habe, nicht nur in Europa“, sagte Petra Gastmeier, Direktorin des Nationalen Referenzzentrums zur Überwachung von Krankenhausinfektionen an der Berliner Charité. Für Deutschland schätzt Gastmeier die Zahl der Krankenhausinfektionen pro Jahr auf rund 500.000. Dadurch kommt es zu bis zu 15.000 Todesfällen. Ein Drittel der Krankenhausinfektionen gilt als vermeidbar – beispielsweise durch Einhalten der Hygienevorschriften.

 

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Redakteur