Medizinische Versorgungszentren: “Keiner rechnete mit dem Erfolg”

Immer mehr Krankenhäuser bieten neben stationären Therapien auch ambulante Angebote für Patienten an. Medizinische Versorungszentren sind in den vergangenen Jahren rasant aus dem Boden gewachsen. Bernd Köppl, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Medizinische Versorgungszentren (BMVZ), spricht von einer Kulturrevolution im Gesundheitswesen. Im Interview erklärt er die Vorzüge der MVZ sowohl für Ärzte als auch für Patienten.

Bernd Köppl, Vorsitzender des Bundesverbands Medizinische Versorgungszentren. Foto: BMVZ

Auf dem vfa-Patientenportal werden Sie mit den Worten zitiert: „Die MVZ sind eine der wenigen Erfolgsgeschichten im deutschen Gesundheitssystem“. Können Sie das nach wie vor so unterschreiben?

Bernd Köppl: Ja, auf jeden Fall. Aufbauend auf die in Berlin und Brandenburg noch funktionierenden poliklinischen Versorgungsstrukturen der DDR, entwickelte sich in der rot-grünen Koalition um die Jahrtausendwende eine Denkweise, die einer Kulturrevolution im Gesundheitswesen gleichkam. Eine Gesetzesinitiative im Jahr 2003 eröffnete den ambulant tätigen Ärzten völlig neue Möglichkeiten in der Berufsausübung, die nahezu fünfzig Jahre gesetzlich untersagt waren.

Seit Inkrafttreten des GKV-Modernisierungsgesetzes (GMG) durften Medizinische Versorgungszentren (MVZ) gemäß des neu gefassten § 95 SGB V unter der Trägerschaft von allen im Gesundheitswesen zugelassenen Leistungserbringern, also zum Beispiel auch von Krankenhäusern oder Physiotherapeuten, gegründet und in der ambulanten Regelversorgung tätig werden. Elementar neu war auch die Zulassung und Anerkennung angestellter Ärzte als den niedergelassenen Vertragsärzten gleichgestellte Kollegen, die in diesen Zentren tätig werden konnten. Denn die Ausübung des Arztberufes in Anstellung war bis dahin ausschließlich im stationären Bereich erlaubt.

Keiner rechnete mit dem Erfolg. Aber die neuen Medizinischen Versorgungszentren treffen auf ein zunehmendes Bedürfnis junger Mediziner, die eine kooperative und fachübergreifende ambulante ärztliche Tätigkeit anstreben, keine Einzelkämpfer sind und die Verantwortung für die Praxis gerne teilen. Gleichzeitig ist die gesellschaftsrechtliche Struktur eines MVZ stabiler als zum Beispiel eine Gemeinschaftspraxis. Die Zulassungen bleiben selbst bei einem Wechsel der Ärzte im MVZ. Damit sind sowohl die Investitionen als auch die Versorgung vor Ort dauerhaft besser abgesichert.

Wie entwickelte sich die Zahl der Medizinischen Versorgungszentren?

Bernd Köppl: Es gab sofort nach Inkrafttreten des Gesetzes eine Gründungswelle besonders beispielsweise in Bayern und Niedersachsen sowie in allen großen Städten. Das tausendste MVZ wurde 2008, das zweitausendste 2013 gegründet. Die Gründungsdynamik hält kontinuierlich an und erhielt 2015 einen weiteren Schub durch die Neuzulassung fachgleicher MVZ.

Auch die Zahl der Ärzte in den MVZ ist entsprechend schnell gestiegen. So arbeiten heute rund 15.000 Ärzte in Medizinischen Versorgungszentren. Da auch den klassischen Praxen mit einer Gesetzesänderung von 2007 die Anstellung von Ärzten erlaubt wurde, ist ihre Zahl bis heute auf über 30.000 gestiegen. Das betrifft jeden fünften ambulant tätigen Arzt – Tendenz steigend. Die Zahl der klassischen Einzelpraxen ist entsprechend seit Jahren rückläufig.

Freundlicher Empfang in einem Medizinischen Versorgungszentrum. Foto: Katholisches Klinikum Essen

Wie erklären Sie sich den großen Erfolg bzw. was sind wesentliche Vorteile für Ärzte?

Bernd Köppl: Große Praxisstrukturen, wie Medizinische Versorgungszentren sie darstellen, werden von der neuen Generation gezielt als Arbeitgeber gesucht. Das hat viele Ursachen: Zum einen geht es um eine Teilung der Verantwortung hinsichtlich der ärztlichen und wirtschaftlichen Lasten, die der Betrieb einer Praxis mit sich bringt. Dabei ist nicht allein die Risikobereitschaft der jungen Ärzte gesunken. Es gibt allgemein einen Wandel im Selbstverständnis der Ärzte, wonach die fachliche Zusammenarbeit zunehmend wichtiger wird. Über die Struktur der MVZ finden Ärzte im ambulanten Bereich ähnliche kollegiale Strukturen, wie siesie aus dem Krankenhaus gewöhnt sind.

Zudem ist heute persönliche Flexibilität wichtiger denn je. Die Übernahme einer Einzel-Praxis verlangt eine sehr langfristige Festlegung für die eigene Karriere und ist stets mit einer Ortsbindung auch für die Familie verbunden. Eine solche Entscheidung zu treffen, vermeiden viele junge Ärzte, oder verschieben sie. Das ist eine gravierende Hürde insbesondere für eine Praxisübernahme in ländlichen Regionen. Zudem fällt die Überlegung zur Praxisgründung nach Abschluss der Facharztausbildung zeitlich meist mit der Entscheidung über die Familiengründung zusammen. Da heute überwiegend Frauen Medizin studieren, entsteht hier eine Art Überforderung, beides gleichzeitig zu stemmen.

Inwiefern profitieren Patienten?

Bernd Köppl: Die Durchschnittsgröße eines MVZ liegt bei sechs bis sieben Ärzten. Daher findet man dort verschiedene Ärzte und Fachrichtungen, die koordinierte Medizin aus einer Hand und unter einem Dach anbieten. Häufig sind Medizinische Versorgungszentren auch rund um ein bestimmtes Krankheitsbild konzipiert, etwa als Rheuma- oder Diabeteszentrum. Diese enge fachliche Zusammenarbeit nutzt vor allem Patienten mit chronischen Erkrankungen und komplexen Krankheitsbildern. Ihnen ist es in aller Regel gleichgültig, ob der Arzt, der die Behandlung vornimmt, ein selbstständiger Arzt oder ein angestellter Mediziner ist: Hauptsache, er ist kompetent und freundlich, und das Praxispersonal ist hilfsbereit.

Wo wird der Trend Ihrer Meinung nach hingehen?

Bernd Köppl: Wir werden auch in den nächsten Jahren eine weitere Verschiebung der Praxisstrukturen hin zu MVZ und Gemeinschaftspraxen mit angestellten Ärzten haben. Besonders in den ländlichen Regionen werden die Medizinischen Versorgungszentren in Krankenhäusern eine größere Rolle spielen. Jedoch wird die Einzelpraxis nicht verschwinden, sondern nur weniger dominant sein. Es werden weitere kooperative Versorgungsstrukturen über Ärztenetzte entstehen, die über eine Trägerschaft gemanagt werden. Der Trend in der ambulanten Versorgung geht zu mehr fachübergreifender Zusammenarbeit und eventuell auch zu mehr Überschreitung der sektoralen Grenzen zwischen Krankenhaus und ambulanter Medizin. Das ist insgesamt eine sehr positive Entwicklung, von der letztlich auch die Patienten profitieren.

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Frauke Sievers
Chefredakteurin
Jahrgang 1983, geboren in Lehrte. Studium der Politikwissenschaften und der Germanistischen Sprachwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Freie Journalistin u. a. für die Leipziger Volkszeitung und die Deutsche Presseagentur. Redakteurin bei der Leipziger Volkszeitung