„Die Krankenhausversorgung knirscht“

Der Deutsche Ethikrat sieht „Anlass zur Sorge“ in Hinblick auf das Patientenwohl in Krankenhäusern. Eine zu starke Ausrichtung an finanziellen Aspekten führe dazu, dass vor allem „Patientengruppen mit besonderen Bedarfen“ nicht die Versorgung erhielten, die ihnen zustünde. Dabei sollte das Patientenwohl der maßgebliche Aspekt innerhalb der Krankenhausversorgung sein – so heißt es in einer kürzlich veröffentlichten Stellungnahme des Rates. Neben den Missständen werden hierin 29 Empfehlungen aufgeführt, die zu einer Verbesserung der Situation beitragen sollen.

Abbildung Stethoskop Foto: pixabay.com © DarkoStojanovic

Fehlende Planungssicherheit und Zeitmangel stellen ein großes Problem für die patientenorientierte Versorgung in Krankenhäusern dar. © DarkoStojanovic/pixabay.com

„Die Krankenhausversorgung befindet sich auf einem hohen Niveau, aber sie knirscht, weil sie unbalanciert ist“, sagt die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Christiane Woopen. Zu viel Augenmerk werde aus ökonomischen Gründen auf Effektivität und Effizienz gelegt, während das Wohl des Patienten hinter finanziellen Aspekten zurückstünde. Gleiches gilt laut Ethikrat für die Kommunikation zwischen Ärzten, Pflegekräften und Patienten. Anhand einer Klinik-Reform müsse dies geändert werden.

Finanzieller Druck durch Kostenpauschalen

Mit seiner Stellungnahme lege der Deutsche Ethikrat „den Finger in die Wunde“, so die Deutsche Stiftung Patientenschutz, die dem Rat recht gibt. „Die Versorgung von alten, multimorbiden und dementen Menschen in Krankenhäusern ist unzureichend“, bemängelt ihr Vorstand Eugen Brysch. Ein Grund hierfür sei das Bezahlsystem, durch das Kliniken Geld von den Krankenkassen bekommen und damit die Behandlung finanzieren.

Bisher erhält ein Krankenhaus je nach Diagnose eines Patienten eine festgelegte Pauschale. Der Ethikrat kritisiert, dass daher vor allem gewinnbringende Behandlungen angeboten würden, beispielsweise Hüftprothesen oder bestimmte Herzkatheter-Untersuchungen. Im Bereich von weniger lukrativen Therapien entstünden hingegen Lücken – komplizierte Fälle würden ungern angenommen. Viele Klinikärzte beklagen laut Ethikrat, sie stünden unter dem ständigen Druck, Patienten zu entlassen, bevor es ratsam sei. Die Dauer, die ein Patient im Krankenhaus bleibt, sank im Durschnitt von 9,7 Tage im Jahr 2000 auf zuletzt 7,3Tage. Die Zahl der Behandlungsfälle in Krankenhäusern stieg gleichzeitig von 17,3 Millionen auf 19,1 Millionen. Muss eine zweite Krankheit behandelt werden, würden Patienten häufig zuerst entlassen und dann wieder aufgenommen, da die neue Behandlung nur dann eine weitere Überweisung an die Klinik möglich macht.

Zeit- und Personalmangel

Zudem würde aus ökonomischen Gründen an Personal gespart.Unter anderem heißt es in der 155-seitigen Stellungnahme des Ethikrats: „Die Arbeitsbedingungen des im Krankenhaus tätigen Personals verschlechtern sich infolge von Zeitmangel und chronischer Überlastung“. Dies führe nicht nur zu einer sinkenden Branchenattraktivität, sondern mittlerweile zum Fachkräftemangel.

Ethikratsmitglied Thomas Heinemann erklärt, dass der ökonomische Druck den Ärzten nur wenig Zeit für die Hinwendung zu den Patienten lasse. Auch für gemeinsame Visiten von Ärzten und Pflegepersonal sei laut Ethikrat kaum Zeit.

Empfehlungen des Ethikrats

Als Beitrag zu einer nachhaltigen „Verbesserung der Pflegesituation“ in Krankenhäusern fordert der Ethikrat daher die Aufstockung des Personals durch eine Mindestquote für Pflegefachkräfte. Außerdem solle ein Personalschlüssel etabliert werden, der sich an Patientenanzahl und Pflegebedarf der verschiedenen Krankenhausstationen orientiere. Darüber hinaus schlägt der Ethikrat vor, die Versorgung mehrfach erkrankter und hochbetagter Patienten sowie die Behandlung von Menschen mit seltenen Erkrankungen besser zu vergüten. Zudem müsse der Aufwand für eine verbesserte Kommunikation und somit eine zeitlich aufwändigere Beratung zwischen Arzt und Patient bei der Vergütung berücksichtigt werden. Auch eine intensivere Beobachtung von Patienten sollte nicht durch die Pauschalen sanktioniert, sondern vielmehr finanziell unterstützt werden. Somit könnten unnötige Eingriffe aufgrund von zu großem Handlungsdruck vermieden werden. Die direkte Weiterbehandlung von Patienten mit mehreren Krankheiten müsse getrennt abrechenbar sein.

Bereits in der Vergangenheit hatte der Ethikrat das Finanzierungssystem im Krankenhaussektor aufgrund seiner wirtschaftlichen Orientierung kritisiert. Ethische Ansprüche und Kostendruck seien nur schwer miteinander vereinbar. Reaktionen aus der Politik und der Verwaltung auf die neuste Stellungnahme fallen positiv aus. Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, schätzt beispielsweise die höhere finanzielle Vergütung von Gesprächen mit Patienten als richtig ein. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft betont, dass im Bereich von Pflegepersonal und Ärzten in den vergangenen Jahren zehntausende zusätzliche Stellen entstanden seien. Ein Programm der Koalition sieht die Einstellung von 6000 weiteren Pflegekräften vor, die Finanzierung steht jedoch noch aus.

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Michelle Sprinz
Volontärin
Jahrgang 1993, geboren in Leimen. Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Mannheim sowie der University of Miami.