Rechtsanwalt klärt nach Tatort über Sterbehilfe auf

Im aktuellen Tatort “Du gehörst mir” hat Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) auf Rat der Ärzte das Beatmungsgerät einer Koma-Patientin abgestellt. Im sozialen Netzwerk Facebook entfachte die Serie eine Debatte darüber, ob das Ausschalten der Maschine rechtens war. Der auf Gesundheitsthemen spezialisierte Rechtsanwalt Christian Albrecht bringt Licht ins Dunkel.

Tatort-Kommissare im Behandlungszimmer der Notaufnahme: Die Krankenhaus-Szenen zum Tatort „Du gehörst mir“ wurden im Ortenau Klinikums in Offenburg am Standort St. Josefsklinik gedreht. Bild: © Ortenau Klinikum

Tatort-Kommissare in der Notaufnahme: Die Krankenhaus-Szenen zum Tatort „Du gehörst mir“ wurden in der Offenburger St. Josefsklinik des Ortenau Klinikums gedreht. © Ortenau Klinikum

Nach einer brutalen Vergewaltigung liegt Marie Rainders seit Wochen im Koma. Ein Schlaganfall verschlechtert die Situation der jungen Frau. Ärzte haben keine Hoffnung auf Besserung und raten der Mutter der Patientin dazu, das Beatmungsgerät auszuschalten. Die bringt es selbst nicht übers Herz und bittet Tatort-Kommissarin Lena Odenthal, den Knopf zu bedienen.

Mit einer Strafe müsse die Polizistin im wirklichen Leben nicht rechnen, meint Rechtsanwalt Christian Albrecht und begründet: „Wenn sich alle einig sind, dass es dem Willen der Patientin entspricht, Ärzte und Mutter einverstanden sind, dann spielt es am Ende keine Rolle, wer die Maschine ausschaltet.“ Normalerweise würde in solchen Fällen aber zunächst ein Betreuer oder Bevollmächtigter festgelegt, der gemeinsam mit Ärzten eine Entscheidung zugunsten des Patienten trifft. Im Tatort wäre das vermutlich die Mutter geworden.

Rechtsanwalt Christian Albrecht: Wer die Maschine ausschaltet, spielt keine Rolle. Foto: privat

Rechtsanwalt Christian Albrecht. Foto: privat

Allerdings bezweifelt Albrecht, dass im wirklichen Leben ein Ordnungshüter die Aufgabe übernehmen würde: „Eigentlich machen das die Ärzte. Selbst Angehörige würden nicht an der Maschine rumspielen.“ Auch mit dem abrupten Ausschalten, wie es im Tatort geschehen ist, hadert er: „Wenn man das Beatmungsgerät einfach ausmacht, ersticken die Patienten.“ Angehörige würden mitbekommen, dass der Patient keine Luft mehr bekommt. „Normalerweise regulieren Ärzte langsam die Sauerstoffzufuhr, damit der Betroffene friedlich einschläft.“

Mit seiner Aussage bezieht der Rechtsanwalt aus Halle (Saale) sich auf ein Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) aus dem Jahr 2010. Eine 76-jährige Frau hatte seit Jahren im Koma gelegen und war über eine Sonde künstlich ernährt worden. Zuvor hatte sie mündlich festgelegt, dass sie eine solche Behandlung nicht möchte. Das Pflegeheim, in dem sie untergebracht war, weigerte sich jedoch, die künstliche Ernährung abzustellen. Die Tochter der Patientin schnitt deshalb auf Rat ihres Anwalts den Schlauch der Sonde durch. Der BGH sprach sowohl den Anwalt als auch die Tochter der Rentnerin frei und begründete das mit dem in einer Patientenverfügung ausdrücklich geäußerten Wunsch der Patientin.

Die lag im aktuellen Tatort, der zum Teil am Ortenau Klinikum gedreht wurde, nicht vor. Trotzdem geht Albrecht davon aus, dass das Abschalten der Maschine im Sinne der Patientin war, das auch von Gerichten so gewertet worden und die Polizistin straffrei geblieben wäre. Wer als Patient aber auf Nummer sicher gehen möchte, sollte unabhängig von Alter und Gesundheitszustand eine Patientenverfügung formulieren. “Eine Patientenverfügung ist Ausdruck des Willens für den Fall, dass man selbst den Willen nicht mehr äußern kann”, so der Rechtsanwalt. Darin legen Männer und Frauen unter anderem fest, welche lebenserhaltenden Maßnahmen sie haben oder nicht haben wollen und können einen Bevollmächtigten für den Fall der Fälle einsetzen. Liegt eine solche Verfügung nicht vor, kann per Gericht ein Berufsbetreuer eingesetzt werden, der den Patienten nicht mal kennt.

Bei der Formulierung der Patientenverfügung rät Albrecht, sich von einem Arzt oder Rechtsanwalt unterstützen zu lassen. “Man sollte darauf achten, den Text nicht zu allgemein zu formulieren, damit Ärzte ihn auch richtig verstehen. Auch von Ankreuz-Varianten aus dem Internet rät er ab: “Die helfen meist nicht, den Patienten so zu verstehen, wie er es gemeint hat.”

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Frauke Sievers
Chefredakteurin
Jahrgang 1983, geboren in Lehrte. Studium der Politikwissenschaften und der Germanistischen Sprachwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Freie Journalistin u. a. für die Leipziger Volkszeitung und die Deutsche Presseagentur. Redakteurin bei der Leipziger Volkszeitung