Organspende: Mehr als 10.000 stehen auf der Warteliste

Der Bedarf an Spenderorganen ist ungebrochen hoch, die Zahl der Spendewilligen auch. Doch tatsächlich haben nur verhältnismäßig wenige einen Organspendeausweis. Woran es hapert, zeigen aktuelle Studien. Zum Tag der Organspende am 4. Juni debattieren Experten auch über eine Widerspruchslösung.

Ein Organspendeausweis schafft Klarheit. © BZgA

© Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Hubert Knicker erleidet 1995 infolge einer verschleppten Virusinfektion eine schwere Herzmuskelentzündung. 37 Jahre ist er damals alt. „Meine Frau musste sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass wahrscheinlich nicht mehr viele Jahre hinzukommen würden“, erinnert er sich auf dem Organspende-Blog des Bundesministeriums für Gesundheit. Eine lange Leidenszeit liegt vor ihm – bis zu dem Tag im Juli 2010, als er ein Spenderherz bekommt und sein Leben neu beginnt.

Patienten wie Hubert Knicker gibt es viele: Seit 1963 wurden in Deutschland weit über 125.000 Organe transplantiert und dadurch tausende Menschen gerettet und Leben verlängert. Am Tag der Organspende am 4. Juni wollen Patientenverbände zusammen mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) darauf aufmerksam machen, wie wichtig Organspende ist: „Mehr als 10.000 Menschen warten in Deutschland auf ein neues Organ. Vor diesem Hintergrund kommt der Aufklärungsarbeit zur Organ- und Gewebespende eine große Bedeutung zu“, erklärt Dr. Heidrun Thaiss, Leiterin der BZgA.

Zwei jüngst veröffentlichte Studien zeigen, dass beim Thema Organspende große Unsicherheit in der Bevölkerung vorherrscht. Einer Umfrage der Betriebskrankenkasse pronovaBKK zufolge sind zwar 75 Prozent der Deutschen prinzipiell bereit, Organe zu spenden. Doch nur 43 Prozent besitzen den dafür notwendigen Organspendeausweis.

Die Gründe dafür sieht die pronovaBKK insbesondere in der Skepsis gegenüber dem Vergabesystem. Die Skandale der vergangenen Jahre um manipulierte Patientendaten und Spenderwartelisten, bei denen Ärzte verschiedener Kliniken einige Patienten gegenüber anderen bevorzugten, schrecken ab. Andere Ursachen sind laut Umfrage der pronovaBKK und einer Studie der BZgA Angst gegenüber der Organentnahme sowie vorzeitig für tot erklärt zu werden. „Nur, wenn wir den Menschen diese Befürchtungen nehmen, machen wir sie zu aktiven Organspendern aus Überzeugung“, gibt Lutz Kaiser, Vorstand der pronovaBKK zu bedenken.

Immerhin sei die Bereitschaft zur Organspende weitaus größer als erwartet, berichtet Kaiser, der fordert: „Die Ansprache potenzieller Spender sollte vereinfacht werden, da sie ein Drittel der Spendewilligen offenbar nicht anspricht.“ Er bezieht sich dabei auf die derzeit gültige Regelung mithilfe von Organspendeausweisen: In Deutschland kann nur spenden, wer ein schriftliches Einverständnis bei sich trägt.

Eine Widerspruchslösung, wie es sie beispielsweise in Frankreich oder Italien gibt, stößt bei den meisten Befragten der pronovaBKK-Studie dennoch nicht auf Zuspruch – nur 39 Prozent befürworten eine solche Lösung. Jeder Bürger, der keine Organe spenden möchte, muss bei dieser Regelung aktiv Widerspruch einlegen. Gegen einen derartigen Ausweg spricht sich auch Hubert Knicker aus. Er wolle nicht, dass die Entscheidung zur Organspende als selbstverständlich angesehen werde. „Organspende muss in Deutschland noch immer freiwillig sein. Jedoch sollte sich jeder rechtzeitig mit seinen Angehörigen zusammensetzen, um das Thema zu diskutieren“, betont er.

Dazu, sich mit der Organspende auseinanderzusetzen, animiert auch Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU): „Am besten ist es, eine persönliche Entscheidung in einem Organspendeausweis festzuhalten. Das schafft nicht nur im Ernstfall Klarheit und Sicherheit – vor allem für die Angehörigen. Es hilft auch, das Geschenk des Lebens weiterzugeben, wenn es darauf ankommt.“

Das durfte auch Hubert Knicker erleben, und er ist sehr dankbar für seine „zweite Chance“: „Ich bekam das Herz eines Menschen, der sich bereits zu Lebzeiten dafür entschieden hatte, Organspender zu werden. Wahrscheinlich hatte er damals nicht einmal einen konkreten Anlass, sich Gedanken darüber zu machen. Er tat es trotzdem, und durch seine Nächstenliebe wurde ich neugeboren.“

 

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Frauke Sievers
Chefredakteurin
Jahrgang 1983, geboren in Lehrte. Studium der Politikwissenschaften und der Germanistischen Sprachwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Freie Journalistin u. a. für die Leipziger Volkszeitung und die Deutsche Presseagentur. Redakteurin bei der Leipziger Volkszeitung