Bei erfolgreichem Modell: Online-Sprechstunden bald in ganz Deutschland

Anfahrtswege und lange Wartezeiten beim Arzt dürften bald passé sein. Hat das geplante Fernbehandlungs-Modell in Baden-Württemberg Erfolg, werden sich Online-Sprechstunden in ganz Deutschland ausbreiten. Damit rechnet Dr. Franz Joseph Bartmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein und Vorsitzender des Telematik-Ausschusses in der Bundesärztekammer. Im Interview mit dem Patientenportal Saluway spricht er über Syphilis, den Modellversuch in Baden-Württemberg und Vor- und Nachteile von Online-Sprechstunden.

 

Franz Joseph Bartmann, Präsident der Landesärztekammer Schleswig-Holstein. © Landesärztekammer Schleswig-Holstein

Franz Joseph Bartmann, Präsident der Landesärztekammer Schleswig-Holstein. © Landesärztekammer Schleswig-Holstein

Was halten Sie davon, dass die Landesärztekammer in Baden-Württemberg das Fernbehandlungsverbot gelockert hat?

Dr. Bartmann: Das stimmt ja gar nicht. Es geht lediglich um eine Ergänzung, um einen Satz und nicht um eine generelle Lockerung. Für die meisten Ärzte gilt die Einschränkung fort. Nur die wenigen Teilnehmer in einem Modellversuch dürfen nach Genehmigung durch die Kammer und unter deren Kontrolle Fernbehandlungen durchführen. Wenn es zu Problemen käme, würde sofort gegengesteuert.

Mal abgesehen von der Formulierung: Wie bewerten Sie diesen Modellversuch?

Dr. Bartmann: Dem Modell an sich stehe ich sehr aufgeschlossen gegenüber. Die Techniker Krankenkasse fordert auch in Schleswig-Holstein – wie in allen anderen Bundesländern – ein ähnliches Projekt aufzuziehen. Das macht aber keinen Sinn, solange das Ergebnis der Evaluation in Baden-Württemberg nicht vorliegt. Wir müssen nicht in allen Bundesländern das gleiche Modellprojekt durchführen.

Warum war es bislang verboten, Fernbehandlungen durchzuführen?

Dr. Bartmann: Das Fernbehandlungsverbot stammt noch aus Bismarcks Zeiten. Für manche liegt die eigentliche Geburtsstunde aber um das Jahr 1910, als es erstmals eine medikamentöse Behandlung für die Syphilis gab, allerdings mit einem nicht ungefährlichen – weil Arsen haltigen -Präparat. Viele mochten sich damit nicht offenbaren, sondern nahmen gern das Angebot einer Fernmedikation an, ohne dass die Diagnose durch einen untersuchenden Arzt gesichert war.

Aber auch ohne diese offensichtliche Gefährdung kann erheblicher Schaden entstehen, wenn Krankheiten nicht erkannt oder falsch eingeschätzt werden. Das kann zum Beispiel passieren, wenn Patienten sich nicht eindeutig identifizieren, Krankheitssituationen nicht freiwillig übermitteln oder möglicherweise auch gar nicht erkennen.

Wieso wird dann jetzt doch über eine Lockerung sinniert?

Dr. Bartmann: Baden-Württemberg hat mit Medgate Basel (medizinischer Dienstleister in der Schweiz, der telefonische Sprechstunden anbietet; Anm. d. Red.) einen Anbieter vor der Haustür, bei dem das Modell funktioniert. Da liegt die Frage auf der Hand: Warum sollte das nicht auch bei uns gehen? Übrigens darf auch in der Schweiz nicht jeder Arzt Fernbehandlungen durchführen. Das darf ausschließlich Medgate, die dies  überwiegend übers Telefon abwickeln. Die Schweiz hat aber eine andere Versorgungssituation, vor allem in einigen abgeschiedenen ländlichen Regionen. Deshalb bot sich dort ein derartiges Modell geradezu an. Bei uns gibt es – heute noch – an fast jeder Milchbank einen Arzt. Der Druck ist noch nicht so groß, dass die medizinische Versorgung ohne Fernbehandlungen nicht gegeben wäre.

Was spricht aus Ihrer Sicht für Online-Sprechstunden?

Dr. Bartmann: Wenn Patienten einmal beim Arzt bekannt sind und chronische Krankheiten haben, können sie schon heute, auch in Deutschland und von deutschen Ärzten, telemedizinisch weiterbehandelt werden. Wird das weiter ausgebaut, hat es für Bestandspatienten einen riesigen Vorteil. Sie könnten sich die Anfahrt und lange Wartezeiten schenken, und der Arzt spart im Wartebereich und an der Rezeption.

Macht es aus Ihrer Sicht also doch Sinn, medizinische Fernbehandlungen einzuführen?

Dr. Bartmann: Diese Entwicklung wird kommen, und das nicht nur weil Baden-Württemberg ein Modellprojekt startet. Der Sinn des Fernbehandlungsverbots hat sich gewandelt. Die Kommunikationsmittel sind dramatisch besser, und vor allem sicherer, geworden. Online-Banking oder Einkäufe im Internet sind heute üblich. Das wäre vor 15 Jahren undenkbar gewesen und wird sich in der Medizin nicht unterbinden lassen. Wenn das Modell in Baden-Württemberg Erfolg hat, werden sich Online-Sprechstunden in ganz Deutschland ausbreiten.

Was halten Sie in diesem Zusammenhang von dem britischen Ärzte-Portal DrEd, das bereits jetzt auch in Deutschland Video- und Telefonsprechstunden anbietet?

Dr. Bartmann: Mit dem Gründer, dem Sohn eines bekannten Kardiologen, selbst aber kein Arzt, habe ich schon manches anregende Gespräch geführt. Mit deutschem Berufsrecht ist das Portal aber eindeutig nicht vereinbar. Die Plattform hat außerdem ein Imageproblem aus der Startzeit, in der, ähnlich wie bei dem Salvarsan-Beispiel, der Focus stark im Hemmungsbereich unterhalb der Gürtellinie lag. Ich persönlich halte das Portal nicht für besonders schädlich oder gar kriminell, glaube andererseits aber nicht, dass das der richtige Weg ist.

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Frauke Sievers
Chefredakteurin
Jahrgang 1983, geboren in Lehrte. Studium der Politikwissenschaften und der Germanistischen Sprachwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Freie Journalistin u. a. für die Leipziger Volkszeitung und die Deutsche Presseagentur. Redakteurin bei der Leipziger Volkszeitung