Masern-Impfung: Deutschland gilt als Problemland

Ende April erstrahlen nachts auf dem Bettenhochhaus der Universitätsklinik Charité in Berlin-Mitte rote Punkte. Initiiert wurde die Lasershow vom Bundesgesundheitsministerium und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung anlässlich der Europäischen Impfwoche vom 24. bis 30. April. Im Mittelpunkt standen Masern und Röteln. Deutschland gilt in Bezug auf die beiden Krankheiten als Problemland.

„Diese Licht-Aktion soll in der Öffentlichkeit verstärkt auf den wichtigen Impfschutz aufmerksam machen“, kommentierte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) das Spektakel an der Charité, das er sich nicht entgehen ließ. Gemeinsam mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ruft er zum Impfen auf.

Abbildung: Die Europäische Impfwoche wird jährlich vom vom Regionalbüro für Europa der Weltgesundheitsorganisation (WHO/Europa) koordiniert. Foto: © Alexander Raths – Fotolia.com

Die Europäische Impfwoche wird jährlich vom vom Regionalbüro für Europa der Weltgesundheitsorganisation (WHO/Europa) koordiniert. Foto: © Alexander Raths/Fotolia.com

Die Lage in Deutschland

Nach Angaben der Verifizierungskommission der Europäischen Region für die Eliminierung von Masern und Röteln ist die Übertragung der Viren in 32 Ländern der Europäischen Region unterbrochen worden, Deutschland befinde sich nicht darunter. Im Jahr 2015 sind laut Robert-Koch-Institut bundesweit 2463 Masern diagnostiziert worden, die meisten davon in Berlin (1242) und Sachsen (271). Im Jahr zuvor waren es in ganz Deutschland 401 erfasste Fälle.

Die Weltgesundheitsorganisation hat sich eine Ausrottung der Krankheiten bis spätestens 2020 als Ziel gesetzt. Dafür sei unter anderem eine 1-Dosis-Masern-Impfquote von mindestens 95 Prozent bei Kleinkindern im Alter von 15 Monaten notwendig. Das gesetzte Ziel ist aber noch weit entfernt, obwohl die bundesweite Impfquote laut Robert-Koch-Institut von 71,1 Prozent beim Geburtsjahrgang 2004 immerhin auf 86,6 Prozent des Jahrgangs 2012 gestiegen ist.

„Die aktuellen Zahlen zeigen, dass Deutschland beim Impfen gegen Masern besser geworden ist“, sagt Gröhe, „aber wir sind längst noch nicht gut genug. Die Impflücken sind noch immer zu groß.“ Der Gesundheitsminister unterstützt deshalb Anstrengungen, den Impfschutz auszuweiten. „Seit Mitte Mai 2015 gelten neue Regelungen zur Überprüfung des Impfschutzes und für die Impfberatung“, erklärt Gröhe. Ärztinnen und Ärzte müssten seitdem bei allen Gesundheitsuntersuchungen für alle Altersgruppen den Impfstatus überprüfen und auf fehlende Impfungen hinweisen. „Jede und jeder Einzelne von uns trägt Verantwortung dafür, die Masern auszurotten“, appelliert er an die Bevölkerung.

Angst vor Nebenwirkungen

Trotz aller Anstrengungen nimmt die Zahl der Impfgegner und -skeptiker zu. Ein Grund hierfür könnten die immer wieder aufkommenden Diskussionen über von Impfungen ausgelöste Langzeitschäden wie Autismus, Diabetes oder Multiple Sklerose sein. Laut dem RKI existiert bis heute kein Nachweis für solche Zusammenhänge. Vielmehr sprächen die Ergebnisse zahlreicher Studien gegen eine Verbindung zwischen Impfungen und den genannten Krankheiten. Typische Beschwerden nach einer Impfung, wie Rötungen, Schwellungen, Schmerzen an der Impfstelle und Allgemeinreaktionen wie Fieber oder Unwohlsein seien hingegen normal. Sie seien lediglich ein kurzweiliger Ausdruck der hervorgerufenen Auseinandersetzung des Körpers mit dem Impfstoff.

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Langen, das Fälle sammelt, in denen Impfungen vermutlich zu Nebenwirkungen oder Komplikationen geführt haben, verzeichnete 3299 Verdachtsfälle im Jahr 2013. 1160 davon wurden als schwere Nebenwirkungen beschrieben, 43 beliefen sich auf bleibende Schäden. Es zeigte sich aber, dass nur drei dieser 43 langfristigen Schäden tatsächlich auf die Impfung zurückgeführt werden konnten. Dabei handelte es sich um Abszesse um die Einstichstelle. In 15 Fällen wurde angegeben, die Impfung habe zum Tod geführt – dies konnte aber nicht nachgewiesen werden. Die Daten werden von Ärzten und Gesundheitsämtern übermittelt. Eine Pflicht dazu gebe es aber nicht, weswegen die Zahlen nicht genau seien, betont das Institut.

Das Robert-Koch-Institut empfiehlt allen nach 1970 geborenen Erwachsenen, die in ihrer Kindheit gar nicht oder nur einmal geimpft worden sind, ihre Masern-Impfung nachzuholen. Gleiches gilt für Menschen mit unklarem Masern-Impfstatus. Die Kosten aller von der Impfkommission empfohlenen Schutzimpfungen werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

Rechtliche Fragen zum Thema Impfung klärt der auf Gesundheitsthemen spezialisierte Rechtsanwalt Christian Albrecht auf Saluway.

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Michelle Sprinz
Volontärin
Jahrgang 1993, geboren in Leimen. Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Mannheim sowie der University of Miami.