Lieber Überkapazitäten als Wartezeiten und überbelegte Stationen

Halbierte Finanzspritze, 1:1-Betreuung für Frühgeborene und die Stärkung von Patientenfürsprechern: Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, spricht mit dem Patientenportal Saluway über aktuelle gesundheitspolitische Themen, Patientenrechte und welche katastrophalen Folgen geforderte Klinkschließungen aus seiner Sicht hätten.

Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft © Deutsche Krankenhausgesellschaft

Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft © Deutsche Krankenhausgesellschaft

Der 39. Deutsche Krankenhaustag ist passé. Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Themen?

Georg Baum: Die wichtigsten Themen ergeben sich für uns aus der Umsetzung der Krankenhausreform und aus der Neuordnung der psychischen Versorgung im Krankenhaus. Das Anfang 2016 in Kraft getretene Krankenhausstrukturgesetz hat die Rahmenbedingungen der Krankenhäuser in vielen Bereichen neu geregelt. Vorgegebene Anpassungen im DRG-System, z. B. die Umschichtung von Sach- auf Personalkosten im Volumen von fast 1 Mrd. Euro, sind umgesetzt. Doch noch nicht alle wichtigen Punkte konnten realisiert werden. So müssen beispielsweise beim zentralen Thema Personal noch Verhandlungen zur Ausfinanzierung der Tarifkosten geführt werden. Verbesserungen für die Zentren und für die Hochschulambulanzen müssen leider in Schiedsstellen entschieden werden, weil die Kassen blockieren: Leider müssen wir die finanzielle Bilanz ziehen, dass von einer Milliarde Euro, die für 2016 zugesagt waren, 500 Millionen Euro noch nicht in den Krankenhäusern angekommen sind.

Das Krankenhausstrukturgesetz sollte die Qualität der Krankenhausversorgung verbessern. Ist das schon gelungen?

Georg Baum: Die Politik spricht von einer Qualitätsoffensive, was wir gerne unterstützen. Unsere Krankenhäuser sind aber auch jetzt schon weltführend bei der Qualitätssicherung. Wir praktizieren in allen Kliniken Qualitätsmanagement. Wir haben die externe Qualitätssicherung. Wo es Auffälligkeiten gibt, entwickeln wir uns dank Auswertungen und Fehlermeldungen weiter. Allerdings sind Qualitätsabschläge kein geeignetes Mittel der Qualitätsverbesserung. Darüber wird im nächsten Jahr zu entscheiden sein. Dass die Festlegung von unrealistischen Qualitätsindikatoren kontraproduktiv sein kann, zeigt sich im Bereich der Neonatologie. So gelten ab 1.1.2017 neue Regeln zur Betreuung von Frühgeborenen unter 1500 Gramm. Für einen einzigen kleinen Patienten muss jederzeit, das heißt im Drei-Schichten-System, eine Intensiv-Pflegekraft zur Verfügung stehen. Werden diese Vorgaben nicht erfüllt, was alleine aufgrund der Situation auf dem Arbeitsmarkt gar nicht möglich ist, wird das Krankenhaus nicht nur sanktioniert, die Behandlung wäre sogar rechtswidrig. Wenn die Personalanhaltszahlen diese Wirkung haben, laufen wir Gefahr, dass uns an einigen Standorten die Versorgung wegbricht. Deshalb müssen die Regelungen genügend Flexibilitätskorridore vorsehen.

Im Zusammenhang mit dem Krankenhausstrukturgesetz wird häufig auch darüber diskutiert, ein Drittel aller Kliniken zu schließen. Was sagen Sie als Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft dazu?

Georg Baum: Die Diskussionen zu diesem Thema sind nicht immer von ausreichender Sachkenntnis geprägt. Wissenschaftlern, die behaupten, wir würden in Deutschland mit 300 Kliniken weniger auskommen, kann ich nur raten, sich zunächst Wissen zu verschaffen. Tatsache ist, dass die Krankenhausstruktur einer permanenten Weiterentwicklung unterliegt, die den regionalen Bedürfnissen genauso Rechnung trägt wie der demografischen Entwicklung und dem medizinischen Fortschritt. Zur Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen gehört die Spezialisierung. Vor diesem Hintergrund sind die gesetzlichen Vorgaben zur besseren Finanzierung der Aufgaben von Zentren zu sehen. Mit der Forderung der Kassen nach völlig unsachgemäßen und überzogenen Kriterien riskieren wir, dass gut funktionierende Strukturen zerschlagen werden. Fakt ist für uns beispielsweise, dass Fahrzeiten nicht ausschlaggebend sein können für die Anerkennung als zum Beispiel Darmkrebszentrum.

Medienberichten zufolge würden vorwiegend in Großstädten, in denen mehrere Kliniken dicht beieinander liegen, Kliniken geschlossen. Dann bliebe doch die wohnortnahe Versorgung erhalten?

Georg Baum: Gerade in Ballungsgebieten fahren Rettungswagen häufig von Klinik zu Klinik, weil keine Patienten mehr aufgenommen werden können. Die Diskussion über Überkapazitäten muss differenzierter geführt werden. Dazu gehören auch Trägervielfalt und Wahlmöglichkeiten für die Patienten. Mir ist es lieber, wir haben partielle Überkapazitäten und Auslastungsraten, die noch Raum lassen, als Wartezeiten und überbelegte Stationen. Auch der Aspekt für Vorhaltung für Epidemien und Katastrophen muss bedacht werden.

Ein Thema auf dem Deutschen Krankenhaustag war auch die Stärkung der Rolle von Patientenfürsprechern an Krankenhäusern. Was halten Sie davon?

Georg Baum: Patientenfürsprecher sind sinnvoll. Sie tragen dazu bei, den Interessenausgleich und den Informationsbedarf, den Patienten haben, sicherzustellen. Wir als Deutsche Krankenhausgesellschaft haben keine Berührungsängste mit Patientenfürsprechern, sondern appellieren an unsere Häuser, Patientenfürsprecher administrativ zu unterstützen.

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Frauke Sievers
Chefredakteurin
Jahrgang 1983, geboren in Lehrte. Studium der Politikwissenschaften und der Germanistischen Sprachwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Freie Journalistin u. a. für die Leipziger Volkszeitung und die Deutsche Presseagentur. Redakteurin bei der Leipziger Volkszeitung